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Zu Recht forschen – transdisziplinär und intersektional: DFG-Forschungsgruppe „Recht – Geschlecht – Kollektivität: Prozesse der Normierung, Kategorisierung und Solidarisierung“

Im Januar 2018 nahm die DFG-Forschungsgruppe „Recht – Geschlecht – Kollektivität: Prozesse der Normierung, Kategorisierung und Solidarisierung“ ihre Arbeit auf. Die interdisziplinäre Forschungsgruppe, in der Vertreter*innen der Rechtswissenschaft, der Soziologie, der Europäischen Ethnologie und der Geschichtswissenschaft kooperieren, geht auf die Initiative von Susanne Baer zurück: Im Dezember 2012 als Caroline von Humboldt-Professur ausgezeichnet, wollte sie das Preisgeld dazu nutzen, „das enorme Potenzial der Gender-Forschung sichtbarer werden zu lassen und einen Impuls für längerfristige Entwicklungen [zu] setzen“. Ihrer Einladung folgten Wissenschaftler*innen von der Humboldt-Universität, der Technischen Universität, der Freien Universität, der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und der Universität Potsdam. Sie entwickelten gemeinsam ein Konzept, das die Potentiale der interdisziplinären Zusammenarbeit im Feld intersektionaler Geschlechterforschung so überzeugend sichtbar machte, dass die DFG im Juli 2017 den Zuschlag gab. Für zunächst drei Jahre kann nun über unterschiedliche Forschungsschwerpunkte und disziplinäre Verortungen hinweg das gemeinsame Anliegen verfolgt werden, die Schnittstelle von Recht als soziokulturellem Diskurs- und Handlungszusammenhang und von Geschlecht als wirkmächtiger sozialer Norm und Strukturkategorie zu bearbeiten. Herausgearbeitet werden soll, wie sich Recht und Geschlecht reflexiv aufeinander beziehen: Wie wirken sich rechtliche Rahmungen und Diskurse auf Geschlechterverhältnisse, wie wiederum Geschlecht auf Recht aus und wie werden beide durch diese wechselseitige Bezogenheit verändert? 

Im Zentrum der gemeinsamen Arbeit stehen die Austauschprozesse, Wechselwirkungen, Widersprüche und Ambiguitäten, die dort entstehen, wo alltagsweltliche, institutionelle und rechtliche Praktiken aufeinandertreffen. Gefragt wird nach den konstituierenden und regulierenden Funktionen, die den spezifischen Modi, Praktiken und Mobilisierungsformen des Rechts zukommen, und in welcher Weise Geschlechternormen und -verhältnisse in verschiedene Dimensionen der Kollektivität hineinwirken. In sechs Teilprojekten werden Kollektive selbst, Vorstellungen von Kollektivität und Prozesse der Kollektivierung in ihrer gesellschaftspolitischen Bedeutung analysiert und unterschiedliche Dynamiken der Ko-Evolution von Recht, Geschlecht und Kollektivität sichtbar gemacht. 

So interessieren etwa Betriebsräte, Gewerkschaften und prekarisierte abhängige Selbstständige (und damit neue Formen des kollektiven Handelns in der Erwerbsarbeit), geschlechterpolitische Interessenskollektive in monogeschlechtlich dominierten Berufsfeldern (wie in Arbeitsgruppen von Soldatinnen, die nicht zufällig regelmäßig als ›weibliche Soldaten‹ firmieren), neuartige Nutzer*innen-Gemeinschaften (die als Commons-Initiativen auch rechtliche Grundnormen herausfordern) und queere, migrantische sowie um die Kategorie „Behinderung“ versammelte Communities (in ihrer Auseinandersetzung vor allem mit Recht gegen Diskriminierung). Entlang dieser Beispiele und unter Einbeziehung unterschiedlicher rechtsbezogener Kollektivierungsprozesse (u.a. im Rahmen von Antidiskriminierungs-, Arbeits- und Sozialrecht) wird untersucht, welche konstituierenden und regulierenden Funktionen die spezifischen Modi, Wissensformen, Praxen und Mobilisierungen des Rechts aufweisen und in welcher Weise in diesem Kontext Gender als Norm, als interdependente Strukturkategorie und als gesellschaftliches Verhältnis wirksam wird. Mit der Perspektive auf Kollektive einer mittleren Ebene lotet die Forschungsgruppe unterschiedliche Aggregatzustände und Intensitäten von Kollektivität aus – von eher losen sozialen Bewegungen über manifeste soziale Gruppen wie Hausgemeinschaften und Wohnkollektive bis hin zu Vereinen und (politischen) Organisationen, von denen wichtige Impulse in Hinblick auf neue Formen der Teilhabe und Sozialität auszugehen scheinen. 

Motiviert ist die Forschungsgruppe durch gegenwärtige gesellschaftspolitische Konflikte: Rechtspopulismus, massive antigenderistische Attacken sowie die Zunahme aller Formen gegen ein solidarisches Zusammenleben in diversifizierten Gesellschaften gerichteter Aggressionen machen Fragen danach dringlich, wie Zusammenhalt in spätkapitalistischen Gesellschaften entsteht, wie Formen des Zusammenlebens organisiert und über individuelle Interessen hinweg gemeinsame Handlungsräume gebildet werden (können). Fokussiert werden Formen von Sozialität, die sich dort herausbilden, wo tradierte Formen des Zusammengehörens außer Kraft gesetzt scheinen. Denn ebenso, wie zu beobachten ist, dass das Spannungsfeld von Inklusion und Exklusion für Konfliktstoffe sorgt, werden zumindest punktuell immer wieder auch neue Praktiken und Visionen von Kollektivität sichtbar. 

Mit ihrem Arbeitsprogramm will die Forschungsgruppe somit sowohl einen eigenständigen Beitrag zum Verständnis der Bedeutung von Kollektivität in spätmodernen Gesellschaften im transnationalen Zusammenhang leisten als auch einen theoretischen Mehrwert für die empirische Rechtsforschung und die Geschlechterforschung erzielen.